Am Ende der Welt... so zumindest kam es uns gestern vor, als wir am Nordkap standen. Das Nordkap ist seit 1999 der nördlichste vom Festland aus auf dem Strassenweg erreichbare Punkt Europas. Das Kap liegt auf der Insel Mageroya mit der Hauptstadt Honningsvag, mit rund 2500 Einwohnern. Dort ging unser Dampfer kurz vor Mittag vor Anker.

Seit zwei Tagen haben wir keine Sonne mehr gesehen, sichtbar ist jeweils nur ein heller Schein am Horizont. In Honningsvag ist das zwischen 22. November und 22. Januar immer so. Gemäss Reiseleiter hat das schon Auswirkungen auf die Menschen, je länger die Dunkelperiode dauert, desto grösser wird der Zulauf bei den Psychologen und der Zugriff zum Alkohol. Man kuschelt sich richtig ein zu Hause. Im Sommer geht dann dafür die Post ab, wenn die Sonne zwischen Mai und Juli gar nie mehr untergeht. Dann ist man praktisch ständig aktiv und geht Morgens um 02:00 h zum Nachbarn zum Kaffeetrinken. Man muss wohl hier geboren worden sein, um damit klarzukommen. Aber die Insel kämpft ums wirtschaftliche Ueberleben, der Haupterwerb Stockfisch kann nicht mehr alle ernähren, junge Familien ziehen aufs Festland. Die Hoffnung ist der Tourismus.

Und diese Hoffnung haben wir kräftig unterstützt mit einem Ausflug zum Nordkap. Der Bus brachte uns in ca 35 Minuten zum Kap, durch eine menschenleere weisse Tundra, eingetaucht in verschiedenste Grautöne, unter einem dunklen Himmel. Dazwischen dann wieder orangene Lichtblicke am Horizont, die wir nach zwei Tagen Dunkelheit mit Freude begrüsst haben.
Danach haben wir das Nordkap erreicht. Natürlich ist es ein Touristenort, aber auf eine angenehme und zurückhaltende Art.
Beim Nordkap treffen auch zwei Ozeane aufeinander, das Europaische Nordmeer und der Arktische Atlantik. Das Aufeinandertreffen von zwei Ozeanen hat in vielen Kulturen etwas Magisches. Ich habe das in Neuseeland kennengelernt, an der Nordspitze treffen der indische Ozean und der Pazifik aufeinander. Es ist auch sichtbar, beide Ozeane haben ein unterschiedliches Blaugrün. Die Neuseeländischen Ureinwohner, die Maoris, sehen diese Stelle als spirituellen Ort an, hier stürzen sich die Seelen der Verstorbenen ins Meer, um in die ewige Heimat zu ihren Ahnen zu gelangen.
Für uns ist das Aufeinandertreffen der Ozeane am Nordkap auch spürbar. Im Europäischen Nordmeer fliesst der Golfstrom bis zum Nordkap hoch und sorgt für angenehme Temperaturen um knapp 0 Grad während des Winters und zwischen 15 und 20 Grad im Sommer. Im Nordkap gewinnt aber der Arktische Strom die Ueberhand, und sofort wird es kälter, das spüren wir bei der Weiterfahrt.
Und noch etwas mussten wir schmerzhaft feststellen. Der Golfstrom sorgte für eine bisher sehr angenehme und gemächliche Fahrt mit unserem Schiff, nun sind wir im Arktischen Ozean, der uns mit hohen Windstärken empfangen hat. Beim Abendessen und unserem Abend-Cocktail war es noch sehr gemütlich, danach wechselte das Schiff seinen Betriebsmodus auf Achterbahn, und die Passagiere mussten das gemütliche Spazieren durch die Gänge ersetzen mit "Hilfe, wo ist die nächste Stange zum Festhalten". Und Neptun forderte seinen Tribut auch bei mir, das Abendessen verliess mich prompt wieder. Um es in der Emoji Sprache auszudrücken:
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Es dauerte rund eine Stunde, bis ich mich wieder einigermassen wohl fühlte und einen Weg gefunden hatte, mit der richtigen Stellung und der richtigen Atemtechnik mit den Wellen in Einklang zu kommen. Anna ging es deutlich besser, aber wir waren froh um jeden noch so kurzen Stopp, um schnell durchzuschnaufen und die Zähne zu putzen.
Gottseidank wurde der Wellengang während der Nacht ruhiger, und wir konnten gut schlafen. Da wir mit Kirkenes heute den Umkehrpunkt für unsere Reise erreicht haben, werden wir das Vergnügen schon bald wieder haben, durch die wilde See zu schippern. Aber ich bin diesmal vorbereitet. In weiser Voraussicht habe ich mir vom Arzt den guten Stoff gegen Seekrankheit verschreiben lassen und jetzt auch eingenommen.
So sitze ich jetzt ziemlich gelassen im Bistro, trotz recht hohem Wellengang. Eine kleine Momentaufnahme von heute Nachmittag:
Leider machen die Dinger gegen Seekrankheit müde, so musste ich schweren Herzens die Fahrt mit dem Schneemobil heute Nacht absagen. Bei diesem Ausflug gehts mit dem Schneemobil rund 1 1/4 Stunden durch die Polarnacht, währenddem das Schiff zum nächsten Hafen weiter fährt, und jeder fährt sein Mobil selber. Ich hatte mich sehr gefreut darüber, aber in diesem Zustand ist mir das zu gefährlich, ich kann da nicht mit schummrigen Hirni durch die Nacht tuckern.
Und hier noch unsere aktuelle Position: Wir sind gestern in Honnigsvag abgefahren und heute Morgen in Kirkenes angekommen (dazu Morgen mehr), um 12:30 haben wir dann abgelegt und befinden uns nun offiziell auf der Rückreise nach Bergen, bzw. in der Schiffssprache "Southbound"
Der Wendepunkt der Reise ist erreicht. Wir wünschen euch weiterhin eine interessante, ruhige Fahrt und möge der Wettergott auf der Rückreise nach Bergen mitspielen. Liebe Grüsse in den sehr hohen Norden.
AntwortenLöschenLiebe Doris, sehr eindrücklich wirken auf mich deine Beschreibungen zum Nordkap und zur langen Dunkelheit. Und die Beschwerden beim hohen Wellengang kann ich gut nachvollziehen. Es ist mir vor vielen Jahren ähnlich ergangen auf einer Überfahrt nach Zanzibar. Gar nicht lustig sind solche Stunden! Zum Glück geht es dir wieder besser. Weiterhin viele gefreute Momente wünscht Doris
AntwortenLöschenHallo Doris - tolle und eindrückliche Erlebnisse, danke - Willkommen im neuen Jahr - LG Peter
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